Klostermühle in Caldern

Es klappert die Mühle ...

In Caldern klappert die Klostermühle seit dem Jahr 1389, dem Jahr der Ersterwähnung einer Mühle in Caldern. Ursprünglich gehörte sie zum Zisterzienserkloster und wurde von Erbleihmüllern betrieben. Später gehörte sie zur Universität Marburg und ging 1850 in Privatbesitz über. Der letzte Müllermeister der Klostermühle war Ernst Pfeiffer, der im Jahre 1979 verstarb. Seine Witwe Katharina Pfeiffer führte die Mühle bis 1987 weiter und übergab sie dann ihrem Enkel Markus Schautes, der als Bäckermeister die Tradition der Klostermühle weiterführt.  

Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Mühle von einem Wasserrad angetrieben, aber man erkannte die Zeichen der Zeit und beantragte schon 1899 den Einbau einer Turbine, die ab 1910 nicht nur die Mühle  antrieb, sondern auch Strom erzeugte.

Rückschläge mussten die Müller immer wieder verkraften: Im Jahre 1899 brannte der neue Anbau der Mühle ab, 1926 brannte es erneut in der Mühle, wahrscheinlich durch ein heiß gelaufenes Lager. Der große Schornstein stürzte ein und begrub einen Helfer, der zu Tode kam. Im Jahr 1945/46 wurde das Stauwehr des Mühlgrabens durch ein Hochwasser weggerissen und in der heutigen Form wieder aufgebaut. 

Auch familiär erlitt die letzte Generation der Familie Pfeiffer Schicksalsschläge: Von 5 Kindern starb eine Tochter 1941 an Diphterie, der einzige Sohn erstickte 1943 mit 2 Jahren in einem Mehltrichter.

Es war eine weise Entscheidung, im Jahr 1923 zusätzlich zum Mühlenbetrieb eine Bäckerei zu eröffnen. Der Mühlenbetrieb mit der zugehörigen kleinen Landwirtschaft hätte der übermächtigen Konkurrenz der entstehenden Großmühlen nicht standhalten können. Ab 1880 hatte mit Einführung der Dampfkraft ein "Mühlensterben" eingesetzt, da die elektrisch angetriebenen größeren Mühlen sich leichter behaupten konnten. Das "Mühlengesetz" von 1957 sollte durch eine Stilllegungsprämie den Betreibern kleiner und mittlerer Mühlen den Ausstieg erleichtert werden. Die Prämie verpflichtete die Müller, ihre Mühlenbetriebe für 30 Jahre stillzulegen. Das bedeutete in aller Regel das Ende einer Mühle. Anfang der 60er Jahre gab es eine zweite Stilllegungsaktion und den Untergang vieler weiterer Mühlen.

Die Klostermühle in Caldern hatte den Vorteil, dass sie ihr Mehl in der eigenen Bäckerei verbacken konnte und einen bäuerlichen Kundenstamm, der sein Getreide in die Mühle brachte. Die meisten dieser Lieferanten ließen ihr geerntetes Getreide "gutschreiben“, sie bekamen dafür das Jahr über Mehl oder auch Brot geliefert.  Die Mühle hatte stattliche Pferde für die Arbeit in der Landwirtschaft und zum Transport von Getreide, Mehl und auch Brot. In großen Brotkörben wurden die meist 5 Pfund schweren Brotlaibe in den Landkreisen Marburg und Biedenkopf verkauft.  Ab 1927 wurden die Zugpferde wurden durch ein "Brotauto" ersetzt.

 

Am Ende des Krieges gehörte das hiesige Gebiet zur amerikanischen Besatzungszone. Die Amerikaner  übernahmen an einigen Tagen in der Woche die Backstube der Mühlenbäckerei, um ihr Brot selbst zu backen. Da sie Angst vor Sabotageaktionen hatten, backten sie ihr Brot auch mit eigenem Mehl aus der USA. Noch heute befinden sich Mehlsäcke aus dem Bestand der Amerikaner in der Mühle.

Während und nach dem 2. Weltkrieg fehlte es an vielen Grundnahrungsmitteln, so auch an Brot. Die Klostermühle mahlte Tag und Nacht und linderte manche Not. Dies brachte den Müller Ernst mit den damaligen strengen Vorschriften in Konflikt.    

Noch lange nach dem Krieg war die Versorgung der Stadt- und Landbevölkerung mit Brot ein großes Problem. Nur mit Brotmarken konnte Brot gekauft werden. Wer keine Marken hatte, bekam normalerweise auch kein Brot. Die Landbevölkerung war noch etwas besser dran. Knapp die Hälfte der Menschen lebte in Dörfern, wo es neben Gartenbau und Kleinviehhaltung die Möglichkeit zur Beschaffung von zusätzlichen Lebensmitteln beim Bauern durch Arbeit oder Tausch gab. Bäuerliche Schwarzschlachtung und Hinterziehung der Ernte waren Gang und Gebe. So wurde auch "schwarz" gemahlen. Die Menschen kamen von weit her, um ein Brot ohne Marken zu ergattern. Wer mit dem Zug kam, stieg von Biedenkopf in den ersten Wagen und in Marburg in den letzten Wagen, um den Wettlauf zur Mühle zu gewinnen.  Als der Müllergeselle Helmut Morzissek eines Morgens zur Arbeit kam, musste er an der langen Schlange der auf Brot warteten Leute vorbei und hätte fast eine Tracht Prügel bekommen, denn die Wartenden glaubten, hier wolle sich einer vordrängen. Zum Glück konnte der Müllergeselle ihnen rechtzeitig klar machen: Ohne Müller kein Mehl, ohne Mehl kein Brot. So manch einer denkt heute noch an die Nachkriegsjahre und die Mühle in Caldern, die vielen Menschen den Hunger gestillt hat. Das Gedicht von Barbara Bachmann, Ehefrau des Calderner Pfarrers Heinz-Erhard Bachmann(1949 bis 1955) beschreibt die damalige Situation sehr bildhaft:

 

Durch das große Hochwasser 1984 erlitt die Mühlenbäckerei einen weiteren Schicksalsschlag. Der Schaden war so groß, dass man bezweifelte , den Betrieb weiterführen zu können. Zu dieser Zeit führte die Witwe Katharina Pfeiffer den Betrieb alleine, in der Mühle arbeitete der Altgeselle Helmut Morzissek, der schon als Lehrling in die Mühle gekommen war. Das Hochwasser riss den Mühlenhof auf und schwemmte Sand und Steine in die Backstube, die komplett unter Wasser stand. Durch die eingedrückten Fenster suchten sich die Wassermassen einen Weg nach außen). Nur durch die Unterstützung und das Engagement der Tochter Renate Schautes wagte die schon 74-jährige Witwe Katharina Pfeiffer einen Neuanfang und bewahrte den traditionellen Betrieb vor dem Ende.    

Ein neuer  Aufschwung kam erst wieder, als ihr Enkel Markus Schautes den Mühlen-und Bäckereibetrieb übernahm. Neue Maschinen und moderne Verkaufswagen wurden angeschafft Neben dem Hauptgeschäft und der Mühle in Caldern beliefert die Mühlenbäckerei in und um Marburg heute 5 Filialen. Schon immer hat die Klostermühle Mehl nur für den eigenen Verbrauch hergestellt und so ist es bis heute geblieben. Man kann nur hoffen, dass diese traditionelle Mühle mit ihrer historischen Mühlentechnik und erlebnisreichen Vergangenheit noch lange der Nachwelt erhalten bleibt.   

(c) 2015 Bernd Schautes