2. Grenzbegang am 30. April 2017

1200 Jahre Caldern

Von Erwin Schlosser

2017 feiert Caldern das 1200-jährige Jubiläum seiner Ersterwähnung in einer schriftlichen Urkunde. Das ist ein Anlass, Calderns Geschichte vorzustellen und auch das Programm für das Jubiläumsjahr.

Der heute 1300 Einwohner zählende Ort liegt im oberen Lahntal, etwa in der Mitte zwischen Marburg und Biedenkopf. Seit 1974 ist Caldern ein Ortsteil der Großgemeinde Lahntal. Der Ort ist hufeisenförmig von bewaldeten Höhen umgeben, die Ausläufer von Westerwald und Rothaargebirge sind alle über 400 Meter hoch, am höchsten ist mit 498 Metern der Rimberg im Westen des Ortes.

In der urkundlichen Ersterwähnung um das Jahr 800 nach Christus ist Caldern als „villa calandra in michelbergere marca“ genannt. Der Name kommt aus der keltisch-germanischen Sprache und setzt sich aus den Worten „cala – calan“ (Baum) und „tra-tar“ (dürr oder kahl) zusammen. So lässt sich nur unschwer der Name als „Dürrer Baum“ oder „Kahler Baum“ deuten. Im Verlauf der Jahrhunderte änderte sich der Name mehr als zwanzig Mal, so wurde daraus beispielsweise „Kalderen“  (1235), „Chalderen“ (1291), „Kaldre“ (1329) oder „Kaullern“ (1502).

Besondere Bedeutung hatte Caldern als Sitz eines Zisterzienserinnenklosters und als Gerichtsort. Der oder die Gründer des Klosters sind unbekannt, die Ersterwähnung des Klosters stammt vom 14. April 1250: Laut Urkunde schenkte Landgräfin Sophie dem Kloster die schon 1235 fertiggestellte Nikolauskapelle, die heutige Kirche des Ortes.

Nikolaikirche Caldern (Fotos: (c) Erwin Schlosser

Im 13. Jahrhundert finden wir infolge der allgemeinen religiösen Begeisterung eine Fülle von Schenkungen an das Kloster. In nahezu jedem Ort der Umgebung hatte das Kloster Besitzungen, bis hin nach Wollmar im Norden oder Odenhausen im Landkreis Gießen. Viele Äcker, Wiesen und Waldstücke entstammten der Mitgift der Nonnen, es gab Schenkungen frommer Bürger und Ankäufe zur Abrundung der klösterlichen Besitzungen. Viele Flurnamen innerhalb der Gemeinde lassen auf zum Kloster gehörige Ländereien schließen: Maueracker, Klosterberg, Portacker (Acker an der Pforte), Paradies (Klostergarten), Biegarten (Bienengarten) oder Teichwiese (Klösterliche Fischteiche).

Die Anzahl der Nonnen war nicht sehr groß, in einer Urkunde von vor 1500 ist von 36 Nonnen die Rede, bei der Aufhebung im Jahre 1527 gehörten zum Kloster 25 Nonnen, 16 Schwestern sowie einige Priester, Mönche und die Verwaltung. Außerdem gab es etwa 30 Personen als Gesinde, welche die Versorgung und Unterhaltung des Klosters, die Herstellung von Wäsche, Kleidung, Schuhwerk oder Möbeln und die Fertigung und Färbung der Tuche übernahmen sowie die Vorratshaltung für den Winter betrieben. Im Besitz des Klosters befanden sich weiterhin drei Mühlen, sowie Schäferei, Gutswirtschaft, Fischerei und Imkerei: insgesamt also ein beträchtlicher Besitz.

Leider sind die baulichen Überreste aus dieser Zeit in schlechtem Zustand. Der Konventbau, das Wohn- und Aufenthaltsgebäude der Klosterbewohner, dient heute als Scheune, von der Klostermauer sind nur noch Reste vorhanden, da die Steine über viele Jahre zum Hausbau im Dorf verwendet wurden.

Die Klosterkirche im spätromanischen Stil wurde zwischen 1208 und 1214 erbaut. Innerhalb uns außerhalb des wuchtigen und weithin sichtbaren Kirchengebäudes befinden sich noch Überbleibsel aus alter Zeit. Die wichtigsten sind wahrscheinlich der mehr als 1000 Jahre alte Taufkump, der im Fischgrätmuster aus Lahnkiesel ausgelegte Fußboden hinter dem Altar, die renovierte, aber äußerlich im alten Zustand belassene Orgel, ein wahrscheinlich aus dem Jahr 1330 stammendes Kruzifix, ein ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammender vergoldeter Abendmahlkelch sowie einie ale Grabsteine, auf denen die Familiengeschichten der Verstorbenen festgehalten sind.

Um Caldern herum gab es noch mehrere kleine Orte, deren Bewohner schließlich in den Schutz des Klosters zogen. Bekannt sind Rodenhausen oberhalb des Bahnhofs am Hang des Wollenberges, Helmarshausen in der Nähe der Michelbacher Mühle im Lahntal, Bergheim in der Nähe des Brückerhofes, Nonnenhausen im Gebiet des Debushofes und Blönnstatt auf der Dilschhäuser Höhe.

Um das Jahr 1050 richtete das Grafengeschlecht der Gisonen auf der Burg Hollende westlich von Treisbach das Gericht Caldern ein, dem neun Ortschaften angehörten. Die Rechtsprechung oblag dem Schultheiß ("der die Schuld heißt"), der später seinen Wohnsitz im heute noch so genannten „Schulzenhof“ in der Klosterbergstraße hatte. Der Gerichtsort war zunächst der Platz um die Gerichtslinde in der Nähe der Kirche, später der Platz zwischen dem Dorfgasthof und der Post. Gerichtssitzungen fanden unter der Gerichtslinde auf steinernen Bänken und Tischen statt. Verhandelt wurden hauptsächlich Vergehen wie Feld- und Waldfrevel, Jagd- und Fischereivergehen, Diebstahl, Beleidigungen und Körperverletzungen.

Im Jahre 1821 wurde aus dem Stadtgericht Marburg, den Gerichten Caldern, Schönstadt und Reizberg und den Ämtern Wetter und Amöneburg das Landgericht Marburg gebildet. Wie lange unter der Gerichtslinde Recht gesprochen wurde, ist nicht nachweisbar. Caldern führt in seinem Ortswappen eine stilisierte Linde mit dem steinernen Gerichtstisch.

 

Fotos: Neuer Rimberturm (M. Apell) | Alte Rimbergturmspitze (E. Schlosser)

Der beherrschende Berg in der Umgebung Calderns und des oberen Lahntals ist der Rimberg mit seinem Aussichtsturm. Der Berg mit einem keltischen Ringwall bekam erst wieder Bedeutung, als der Oberhessische Gebirgsverein Ende des 19. Jahrhunderts angeregte, auf dem an der Grenze zwischen den Kreisen Marburg und Biedenkopf gelegenen Berg einen Aussichtsturm zu errichten. Der OHGV musste für die Finanzierung des Turmes 4500 Goldmark aufbringen, eine für die damalige Zeit bedeutende Summe. Am 22. Juli 1900 wurde der Turm eingeweht. Die Holzkonstruktion war 21 Meter hoch und maß an der Grundfläche sieben mal sieben Meter. Damit erschloss der OHGV inmitten seines Wandergebietes eine der umfassendsten Fernrundsichten: der Blick reicht bis zur Wasserkuppe, zum Feldberg im Taunus und bis weit in das Waldecker Upland.

Durch Blitzeinschläge und andere Witterungseinflüsse sowie mutwillige Beschädigungen war der Turm baufällig und wurde Ende der 1960er Jahre nach einigen Rettungsversuchen sich selbst überlassen, bis er im November 1971 zusammenstürzte. Die Turmspitze konnte gerettet werden und wurde Teil der Schutzhütte am Eingang zum Elnhäuser Grund.

Die Gebietsreform verzögerte den Bau eines neuen Turms, der schließlich am 30. April 1977 eingeweiht werden konnte. Etwa 300 Meter neben der Straße von Caldern nach Damshausen befindet sich ein Parkplatz, die Schutzhütte am Fuße des Turms wird vom „Förderverein Rimbergturm“ betrieben und wird bei verschiedenen Anlässen genutzt und geschätzt.

Nicht nur als Aussichtsberg hat der Rimberg seine Bedeutung; manche Volkssage handelt vom Riesen auf dem Rimberg und seinem Gegner auf dem Weißen Stein bei Goßfelden. Auch gibt es eine sogenannte Drachenhöhle am Nordosthang, wo Siegfried angeblich den Drachen tötete.

Die Flurnamen eines Dorfes sagen noch heute viel über die Lage oder frühere Nutzung eines Stück Landes aus. Es sind in Caldern 137 Flurnamen und deren Deutung bekannt. Heute haben sie aber kaum noch eine Bedeutung für die Felderbezeichnung, da durch die Verkoppelung in den Jahren 1884 bis 1888 andere Grundstücksaufteilungen festgelegt wurden.

Viele Namen lassen die frühere Nutzung erkennen: Bohnenland, Bleiche, Kalkofen, Flachsröste; andere lassen auf die Beschaffenheit des Grundes schließen wie Naßbette (bett=Beet, Weide), Steinbergseite, Kleiebett (klei=nass, feucht), Sauerwiesen. Namen wie  Bockstriesch, Piestwäre (Pfingstweide), Kuh-, Esels-, Lämmerbette oder Gahsacker zeigen an, welches Vieh hier geweidet wurde.

In den 1960er Jahren bekam Caldern einen Ruf als Ferienort durch die Arbeit des 1961 gegründeten Verkehrs- und Verschönerungsvereins. Seit dieser Zeit nahm der Verein mit seinen 130 Mitgliedern regelmäßig und erfolgreich am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil. Der Titel des Bezirks- und viermal des Kreissiegers war ein schöner Erfolg für die Arbeit der engagierten Einwohner und der Schulkinder. Über 50 Ruhebänke boten Ruhe und Aussicht, 40 Kilometer Wanderwege wurden markiert. Ein Wassertretbecken, Grünanlagen, Rosenbeete, zwei Kinderspielplätze und Brunnen trugen dazu bei, dass der Ort das Prädikat „Staatlich anerkannter Erholungsort“ zuerkannt bekam. Die Feriengäste konnten in zwei Gasthäusern und 10 Privatpensionen mit insgesamt 65 Betten untergebracht werden, im Jahr 1965 wurden mehr als 3500 Übernachtungen gezählt.

Die hohen Übernachtungszahlen gingen aber bald wieder zurück, „Ferien auf dem Lande“ war nicht mehr zeitgemäß. Der hohe Aufwand zur Unterhaltung der geschaffenen Anlagen konnte nicht mehr geleistet werden, zudem wurden aus den beherbergenden Hausfrauen Berufstätige und der Fremdenverkehr kam zum Erliegen.

 

Fotos: Impressionen aus Caldern in den 50er Jahren (c) E. Schlosser

Das Vereinsleben ist aber auch heute nochvielfältig, neun Vereine bieten unterschiedliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung oder der aktiven Vereinsarbeit.

Nach der Auflösung der Volksschule Caldern zu Beginn der 1970er Jahre wurden die Schulräume zu einem Kindergarten umgebaut und im Jahre 1974 eingeweiht. In den beiden oberen Etagen des ehemaligen Schulgebäudes finden sich nun die Bücherei, der Jugendclub und Räumlichkeiten der Ortsvereine.

Zuvor konnte sich die Gemeinde einen lang gehegten Wunsch erfüllen: Im Januar 1973 konnte die Bevölkerung das neue Dorfgemeinschaftshaus übernehmen. Dank finanzieller Rücklagen war es möglich, dieses DGH weitgehend aus eigenen Mitteln zu errichten. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben erfuhr eine starke Veränderung und einen neuen Aufschwung. Bald darauf konnte die Freiwillige Feuerwehr ihr weitgehend in Eigenleistung errichtetes Gerätehaus mit Schulungsraum angliedern.

Im kleinen und großen Saal mit Bühne, mehreren Nebenräumen, Küche, Gaststätte, Schießstand des Schützenvereins und zwei Kegelbahnen war viel Platz für die Freizeitgestaltung der Calderner Bevölkerung.

Für das politische Leben gestalteten sich die 70-er Jahre recht unruhig. Im Zuge der Gemeindereform wurden zunächst die Orte Caldern, Kernbach und Brungershausen zusammengeschlossen. Das hielten die meisten für eine sinnvolle Maßnahme, gehörten diese drei Dörfer doch schon seit langer Zeit zu einem Kirchspiel und einer Raiffeisengenossenschaft. Durch die Zusammenlegung mit den Dörfern Sterzhausen, Goßfelden, Sarnau und Göttingen zur Großgemeinde Lahntal mit Verwaltungssitz in Sterzhausen wurde jedoch die Eigenständigkeit des an Geschichte, Kultur und regem Bürgersinn reichen Dorfes Caldern aufgehoben.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist aber Caldern durch die Zusammenlegung nicht untergegangen. Als Ortsteil der Großgemeinde bekam der Ort beispielsweise eine neue Kindertagesstätten gebaut, das Dorfgemeinschaftshaus ist nach einer aufwändigen und anspruchsvollen Sanierung in diesem Jahrtausend eines der schönsten Gemeinschaftshäuser weit und breit geworden. In einem idyllischen Neubaugebiet mit Blick auf den Rimberg wird den Bauherren der Anschluss an ein nachhaltiges Nahwärmenetz gleich mit dem Grunderwerb angeboten.

Erhalten hat sich Caldern durch die das vergrößerte Umfeld eine Infrastruktur, um die es viele ländliche Orte beneiden: Es gibt mehr als 40 Unternehmen in dem lebendigen Ort, neben weithin gefragtem Bäcker und Metzger sind eine Fahrradwerkstatt, ein Lebensmittelgeschäft und viele Handwerker vor Ort mit allem vertreten, was für den Alltag notwendig ist. Im Dorfgemeinschaftshaus organisieren die Calderner jede Woche ein Begegnungscafé, das von Menschen aller Altersgruppen besucht wird. Auch der gute Besuch der regelmäßigen Feste im Ort zeigt, dass in Caldern die Verbindung von Tradition und Moderne ohne größere Brüche gemeistert worden ist.

Foto: Noch Dampfbetrieb am Bahnhof Caldern (c) E.Schlosser