Furkation

Mehr als nur Hochwasserschutz

Ein neuer Erlebnisraum ist entstanden

(von Peter Groß & Manfred Apell)

Im Lahntal hat es immer wieder schwere Hochwässer gegeben, das letzte Mal im Jahr 1984. Viele Einwohner Lahntals waren von Folgeschäden betroffen.

Seit den 1990er Jahren rückten diese Gefahren immer mehr ins öffentliche Bewusstsein und wir begannen, unser Teil zur Vorsorge beizutragen.

Wir Anwohner der Lahn tragen auch Verantwortung. Unsere Vorfahren kultivierten die Lahnaue seit dem Mittelalter für die Landwirtschaft und engten den Fluss ab dem 19ten Jahrhundert immer mehr ein.

Bezähmen ließ sich der Fluss indes nicht. Die Lahn kommt aus dem Rothaargebirge, der dortige Mittelgebirgsschiefer speist zwar in der Regel mit 300 Litern pro Sekunde kaum genug Wasser für zwei Badewannen ein, aber es kommt auch zu plötzlich auflaufendem Hochwasser mit bis zu 430000 Litern/s (rund 3.000 volle Badewannen), das das Lahntal in voller Breite ausfüllt. Selbst die mittlere Wasserführung von gut 8.000 l/s fasste das schmale Ausbaubett mancherorts kaum noch.

Deshalb holte sich die Lahn hin und wieder zurück, was wir ihr genommen haben: Hochwasser verwüsteten Felder und Siedlungen. Einst wurde der Lahn Land abgerungen, um die Menschen zu ernähren. Bis in die 1960er Jahre ging es im  wasserwirtschaftlichen Unterhaltungsplan für die Lahn nur darum, das Wasser möglichst schnell abfließen zu lassen. Dazu wurden Ufer befestigt und Ufergehölze radikal beseitigt.

Heute ist der Mangel an landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr so existenziell und wir können dem Fluss und seinen Nebengewässern Boden zurückgeben, Überschwemmungsflächen vergrößern und einen aktiven Beitrag zum Hochwasserschutz leisten. Aus dem bis in die 1990er Jahre in Lahntal rund 25 Meter schmalen Flussbett in einem deichgeschützten Vorland sind aufgrund unserer Maßnahmen 50 Meter (und auch deutlich mehr) Bewegungsraum für den Fluss entstanden. In einer wissenschaftlichen Studie zur Aktivierung von Vorlandrinnen für die Gemeinde Lahntal war festgestellt worden, dass die Zerstörungskräfte der oberen Lahn aufgrund ihrer besonderen Abflusscharakteristik ab einem Breite/Tiefe-Verhältnis von 50 zu1 auch bei größeren Hochwasserereignissen stark nachlassen würden.

1995 begann die Gemeinde, naturschutzrechtlich erforderliche Ausgleiche für ihre Bauplanung in Gewässerschutzprojekte zu lenken. Begradigte Unterläufe kleiner Lahnzuflüsse wurden in Sterzhausen und Goßfelden um Wohngebiete herum verlängert und aufgewertet; vor allem aber wurde die Reaktivierung ehemaliger Fließrinnen der Lahn in Angriff genommen.

Geländeaufnahmen aus dem 18. Jahrhundert hatten gezeigt, dass die Obere Lahn einst ein sogenannter Wildfluss war, wie er sich nach steilen Mittelgebirgspassagen bildet, wenn mit abnehmendem Gefälle mitgeführte Gesteine abgelagert werden und der Fluss sich verzweigt. Diese Flussbettaufgabelungen (Furkation), die sich nach Hochwässern auch verändern können (Verwilderung), sollten wieder entstehen, wenn die Uferbefestigung entfernt wird. Ziel war ein dynamisches System, in dem Kiesbänke trocken fallen und von Bäumen bewachsen werden können, aber auch wieder abrutschen und Gumpen Platz machen.

Als Einstiegsprojekt wurden an der Göttinger Lahn vor der Grenze zur Gemarkung Cölbe auf 300 Metern Länge beiderseits des versteinten Laufs Initialrinnen abgegraben. Zur B 62 hin war der Erfolg so überwältigend, dass das Erosionsufer schon bald mit  Wasserbausteinen und Bäumen wieder festgelegt werden musste. Vom rechten Ufer verlagerte sich der Stromstrich, so dass sich das Ausbaubett sich erhöhte. In der rechten Initialrinne sorgten  Ablagerungen für die Entwicklung eines Auwaldes.

Bei der gleichzeitigen Planung des über zwei Kilometer langen Rinnensystems zwischen Caldern und Sterzhausen musste man  gewässerökologisches und wasserbauliches Neuland betreten. Nach einer von der Gemeinde beauftragten Machbarkeitsstudie  entwickelte sich ein überregional bedeutsames Modellprojekt, das über die Europäische Union gefördert wurde. Das Projekt wurde dann erstaunlich schnell realisiert, 2002 war alles fertig samt dem erforderlichen Hochwasserschutz für Sterzhausen, und der Abstimmung mit der neuen Ortsumgebung der K 79.

Dazu kamen noch Uferaufbrüche und Uferstreifensicherungen als Ausgleich für Gewerbegebiete in der Kommune und der Anschluss einer weiteren Rinne an das Hauptsystem. Mittlerweile hat „Die Furkation“ in Fachkreisen eine Bekanntheit erlangt, die bis auf die andere Seite des Globus ausstrahlt.E  Selbst eine Delegation des japanischen Landwirtschaftsministeriums oder Gäste aus einer chinesischen Großstadt informierten sich schon in Lahntal über die deutschen Strategien des kommunalen Hochwasserschutzes.

Lahntal hat mit diesem Projekt Erstaunliches geleistet: Auf zwei Fluss-Kilometern wurden mehr als 300.000 m3 Stauvolumen für Hochwässer zurückgewonnen, insgesamt konnten mehr als 30 ha intensive Agrarfläche der Natur in Form der Wildaue sowie einer naturschutzkonformen Beweidung zurückgegeben. Zur Verwirklichung wurden in etwa 2,5 Millionen Euro ausgegeben.

Das Leuchtturmprojekt wurde zum Anlass für weitere Entwicklungsmaßnahmen im Rahmenplan „Strukturverbesserung Obere Lahn“ des Regierungspräsidiums (RP) Gießen. Für die Gemeinde Lahntal herausragend ist die gerade erst fertig gestellte Aufweitung der Lahn mit Schaffung neuer Flutrinnen im Zuge der Sanierung und Rückverlegung der Lahndeiche zwischen Goßfelden und Sarnau, mit einem Kostenvolumen von über 3,3 Millionen Euro. Darüber hinaus wird eine Verknüpfung des Kiesabbaugebiets bei Goßfelden mit dem Flussabschnitt angestrebt.

Nicht verschwiegen werden darf, dass die Bauprojekte, die solche durchgreifenden Renaturierungen möglich machten, mit großen Eingriffen in die verbliebenen Freiräume des Lahntals verbunden waren - Kritiker ließen da nicht lange auf sich warten. Jedoch ist zu betonen, dass alle Projekte immer unter intensiver Einbeziehung der Bürgerschaft geplant und umgesetzt wurden. Im Rahmen der Sanierung der Lahndeiche gab es fünf Bürgerversammlungen, um zu einem guten gemeinsamen Ergebnis zu gelangen.

Das Ziel der Hochwasserrückhaltung hat sich schon wiederholt bewährt. Vom Erlenbach in Caldern und dem Rodenbach kommende Hochwässer mit durchaus großem Schadenspotential sind seit der Renaturierung nicht wieder aufgetreten. Die „Furkation“ zwischen Caldern und Sterzhausen hat sich auch bei stärkeren Hochwässern 2005 und 2011 als mindernd bewährt.Auch die flussabwärts liegenden Gemeinden profitieren vom Lahntaler Engagement im Hochwasserschutz.

Aber auch der ökologische und landschaftliche Nutzen der Maßnahmen stellt einen wesentlichen Alltagsgewinn für unsere Gemeinschaft dar.

Die Hochwasserprojekte machten aus kanalisierten und kaum zugänglichen Funktionsgewässern wieder lebendige Bäche und Flüsse. Der teils illegal verrohrte Erlenbach fließt wieder offen durch Caldern und bildet einen dörflichen Mittelpunkt. Der Steingraben in Sterzhausen wertet in seinem neuen Verlauf das Neubaugebiet sichtbar auf. Ähnlich ist es mit dem Rodenbach, der jetzt viel mehr Fläche zum Ausbreiten hat und darüber hinaus einen naturbezogenen Erlebnisraum für Kinder des Baugebietes „Grüner Weg“ bietet.

Ein besonderer Gewinn als Naherholungsraum ist die Furkation zwischen Caldern und Sterzhausen. Die Altarme werden durch Beweidung frei gehalten, die ganzjährig eingestellten Robustpferde und Extensivrinder haben sich zu Publikumsmagneten entwickelt. Auch der Lahntalradweg verläuft durch das Gebiet und wurde in das Rinnensystem integriert. Unmittelbarer lässt sich Naturgewalt nicht erleben, wenn die Lahn bei Hochwasser die Wegequerungen passiert.

Die Besichtigung der Altarme am Tag der Biodiversität am 22. Mai 2010 mit dem Marburger Vogelkundler, Professor Dr. Martin Kraft zeigte, welchen Gewinn unsere Gemeinschaft mit dem jetzt wieder einzigartigen Naturraum erzielte. Unter kundiger Führung konnte beobachtet werden, welche Vielfalt in Flora und Fauna nun hier anzutreffen ist. Zur Zeit des Vogelzugs sind wieder spektakuläre Beobachtungen von Schwarzmilan, Fischadler oder einer Vielzahl an Wat- und Schwimmvögeln möglich.

In Goßfelden und Sarnau waren die Arbeiten noch nicht abgeschlossen, als die Bürgerinnen und Bürger schon den neuen Lahndeich für den Sonntagspaziergang entdeckt hatten.

Die Hochwasserschutzmaßnahmen haben die Gemeinde Lahntal in den letzten 20 Jahren rund 7 Millionen Euro gekostet. Vielleicht kann die Gemeinde Lahntal mit ihrem Beispiel, und vor allem mit dem sichtbar weiteren Gewinn für ihre Bürgerinnen und Bürger, zum Nachahmen animieren. Es zahlt sich aus: Nicht nur mit mehr Schutz vor Hochwasser.